Derer von Eynern Eine Erzählung in vier Akten
Prolog: Die Teilung des Wassers
Ehe ein Mensch dort seinen Fuß setzte, hatte das Land sich bereits entschieden.
Auf dem Rücken des Haßlinghauser Höhenzugs, dreihundertvierzehn Meter über dem Meer, fällt der Regen und weiß nicht, wohin. Nach Norden rinnt er in den Deilbach, der sich zur Ruhr wendet und durch Schluchten voller Kohle zum großen Strom zieht. Nach Süden sucht er die Wupper, die sich wild und eng durch Täler frisst, an deren Hängen dereinst Bleicher ihre Tücher spannen werden und Färber die Bäche rot und blau verfärben.
Hier, wo das Wasser sich teilt, liegt Einern.
Es ist kein Ort, den man aufsucht. Es ist ein Ort, durch den man hindurchgeht — oder an dem man bleibt, weil man verstanden hat, dass Schwellen mehr Macht besitzen als Zentren. Wer auf einer Wasserscheide wohnt, gehört beiden Seiten und keiner ganz. Das ist kein Fluch. Es ist eine Berufung, die man erst nach Jahrhunderten erkennt.
Erster Akt: Der Hof In dem ein Name entsteht, der nichts bedeutet als: von hier
Im elften Jahrhundert, als die Äbte von Werden ihre Güter zählten wie ein Feldherr seine Truppen, schrieben sie in ein Verzeichnis — jenes Buch der Pflichten, das man Urbar nennt — den Namen eines Hofes: Eneri. Und neben dem Hof den Namen eines Mannes: Eneri von Enhard. Ob er wusste, dass man seinen Namen aufschrieb? Ob er ahnte, dass dieses Verzeichnis der Abgaben, die er dem Kloster schuldete — Korn, Vieh, den Zehnten seiner Mühe —, dereinst Gelehrte beschäftigen würde, die über Pergament gebeugt seine Silben entziffern?
Er wusste es nicht. Er pflügte.
Sein Hof war kein gewöhnlicher Hof. Er war ein Oberhof, ein Sattelhof — das Haupt eines Verbandes aus Höfen, die sich über die Höhen zwischen Gennebreck und Nächstebreck und Obersprockhövel verteilten wie die Finger einer Hand über eine Tischplatte. Einern war die Faust. Hier tagte das Hofgericht. Hier wurden die kleinen Streitigkeiten der hörigen Leute verhandelt — wer zu viel Holz aus der Mark geschlagen, wer seine Abgaben verkürzt, wer den Grenzstein versetzt hatte. Denn Grenzen gab es bereits, und sie waren nicht abstrakt.
Südlich, dort wo der Regen zur Wupper rinnt, begann das Herzogtum Berg. Nördlich, wo der Deilbach entspringt, herrschten die Grafen von der Mark. Einern lag dazwischen — nicht als Niemandsland, sondern als Jedermannsland: ein Ort, an dem beide Seiten Ansprüche erhoben und keiner sie ganz durchsetzen konnte.
Im Jahre 1412 tritt ein Name in das Licht der Urkunden, der bleiben wird: Hinczen van Eneren. Neun Jahre später, 1421, belehnt ihn der Abt von Werden mit dem unteren Hof, den die Schreiber Hoff op'm Berge nennen. Ein Mann empfängt einen Hof aus der Hand eines Abtes. Nicht mehr und nicht weniger. Der Name, den er trägt — van Eneren — sagt, woher er kommt. Er ist kein Titel. Er ist eine Ortsangabe. Er sagt: Dieser Mann gehört zu diesem Stück Erde.
Dass seine Nachfahren denselben Namen noch tragen würden, als es längst keinen Hof mehr für sie gab, als der Name in den Sälen des Preußischen Abgeordnetenhauses und in den Kontoren der Barmer Kaufleute erklang — das konnte Hinczen nicht wissen.
Er pflügte.
Zweiter Akt: Die Grenze wird Welt In dem sich um einen Hof herum eine Ordnung verfestigt, die ihn fortan bestimmt
Es gibt Grenzen, die man zieht, und Grenzen, die wachsen. Die Grenze zwischen Mark und Berg gehört zur zweiten Sorte. Sie war nicht das Werk eines Tages oder eines Vertrags, sondern die langsame Kristallisation von Macht entlang einer Linie, die bereits im Gelände angelegt war. Seit die Grafen von der Mark im Jahre 1324 die Burg Volmarstein erobert hatten, war der Raum um Einern märkisch — aber das Bergische begann in Rufweite.
Und diese Grenze war nicht stumm.
Sie sprach. Auf der märkischen Seite, in Schwelm, in Sprockhövel, in Haßlinghausen, klangen die Worte anders als in Barmen und Elberfeld. Das Platt der Märker war westfälisch: härter, konsonantenreicher, ein Platt der Hämmer und der Gruben. Das Platt der Bergischen war weicher, vom Rheinischen berührt, ein Platt der Bleicher und der Händler. Wer von Einern nach Süden ging — zwei, drei Kilometer nur —, hörte den Unterschied. Nicht als Fremdheit, aber als Färbung, als leise Verschiebung der Vokale, die sagte: Du bist jetzt anderswo.
Sie betete. Die bergische Seite, zumal das Wuppertal, wurde zur Hochburg des reformierten Calvinismus — jener strengen, nüchternen Frömmigkeit, die wenig Feste kannte, aber Fleiß zur Tugend erhob und unter Glaubensgenossen Netzwerke spann, durch die Kredit und Vertrauen flossen wie das Wasser durch die Wupper. Die märkische Seite war bunt gemischter: lutherisch hier, katholisch dort, mancherorts beides. Wer in Einern seinen Sonntag beging, tat es nach dem Kalender seiner Seite — aber welche Seite war seine?
Sie feierte. Oder feierte nicht. Die Reformierten hielten wenig von Patronatsfesten und Kirmessen, von Prozessionen und Heiligenbildern. Die Märker auf der anderen Seite der Grenze feierten reichlicher: Erntedank war laut, das Schützenfest war Pflicht, die Kirmes war der Herzschlag des Jahres. An einem Ort wie Einern, wo beide Rhythmen sich überlagerten, stellte sich die Frage: Nach welchem Kalender lebte eine Familie, die seit Generationen hier saß?
Und sie handelte. Auf der bergischen Seite teilten sich die Handwerker in fein spezialisierte Zünfte: Bleicher, Färber, Bandwirker, Schleifer — jeder ein Glied in einer langen Kette, die ein Verleger zusammenhielt wie ein Puppenspieler seine Fäden. Auf der märkischen Seite grub man Kohle und Eisen, schmiedete grob und schwer, und die Zunftordnungen waren auf andere Kräfte zugeschnitten. Die Frage, ob ein Geselle aus dem Märkischen in einer bergischen Werkstatt arbeiten durfte, ob sein Meisterbrief jenseits der Grenze galt, ob ein Wanderbursche von der einen Seite auf der anderen willkommen war — diese Frage entschied über Lebensläufe.
Die Eynern saßen mitten in diesem Geflecht. Generation um Generation auf demselben Hof, an derselben Wasserscheide, mit demselben Namen, der immer noch sagte: von hier. Sie heirateten — wen? Sie tauften ihre Kinder — in welcher Kirche? Sie begruben ihre Toten — nach welchem Ritus? Die Antworten schlummern in Kirchenbüchern, die niemand auf diese Fragen hin befragt hat.
Doch eines ist gewiss: Die Grenze, die um sie herum wuchs, war kein Strich auf einer Karte. Sie war ein Lebensraum. Und wer in einem Lebensraum wohnt, der aus Gegensätzen besteht, der lernt eine Kunst, die den Bewohnern der Zentren fremd bleibt — die Kunst, nach beiden Seiten zu schauen und doch zu wissen, wo man steht.
Zwischenspiel: Der Kaiser, der kein Kaiser war In dem eine fremde Ordnung kommt und geht und eine Verwechslung hinterlässt
Als Napoleon seine Hand über die Länder am Rhein legte, wurde Einern Teil eines Gebildes, das man Großherzogtum Berg nannte — ein Staat, der keiner war, geführt von Herzögen, die in Paris dinierten, verwaltet nach dem Muster französischer Präfekturen, gegliedert in Départements und Arrondissements und Mairien, die französische Namen trugen und deutsche Bauern regierten.
Einern wurde Teil der Mairie Haßlinghausen, im Arrondissement Hagen, im Département Ruhr. Die Beamten sprachen nun anders über den Hof; sie schrieben ihn in Listen, die nach Paris berichtet wurden. Aber der Hof blieb, wo er war. Und die Wasserscheide blieb, wo sie immer gewesen war.
Man erzählt sich heute mancherorts, Einern sei Grenze des französischen Reiches gewesen. Das ist ein ehrenvoller Irrtum, aber ein Irrtum. Das Großherzogtum Berg war kein Teil Frankreichs. Es war ein Satellitenstaat — abhängig, geformt, durchdrungen von napoleonischem Verwaltungsgeist, aber nie einverleibt. Einern lag nicht am Rand eines Weltreichs. Es lag im Inneren eines Labors — eines Versuchs, deutsche Länder nach französischem Modell zu ordnen.
Als die Franzosen gingen, 1813, blieb die Verwaltung. Die Mairie wurde zur preußischen Bürgermeisterei, das Amt folgte dem Kanton. Die Formen wechselten; die Funktionen bestanden fort. Und Einern blieb, was es war: ein Ort auf der Schwelle, der die Wechsel der Herren überlebte wie eine Eiche die Jahreszeiten.
Dritter Akt: Der Weg nach unten, der ein Aufstieg war In dem die Kohle den Berg hinunterrollt und ein Name den Berg hinauf
Im späten achtzehnten Jahrhundert beginnt die Erde um Sprockhövel zu sprechen. Sie spricht in schwarzen Zungen: Steinkohle, dicht unter der Oberfläche, in Flözen, die man mit Schlägel und Eisen aufbrechen kann. Die Pingen — jene trichterförmigen Löcher, die der frühe Bergbau hinterlässt wie die Pockennarben einer geologischen Krankheit — überziehen die Hänge. Und die Kohle will zum Feuer.
Das Feuer brennt in Barmen. Das Feuer brennt in Elberfeld. Die Bleicher brauchen es für ihre Laugen, die Färber für ihre Kessel, die Schmiede für ihre Essen. Die Textilindustrie des Wuppertals verschlingt Energie, und die Energie liegt nördlich — jenseits der Wasserscheide, auf der märkischen Seite.
Und so entsteht ein Weg. Der Kohlenweg von Sprockhövel nach Elberfeld — eine Straße aus Schweiß und Achsenschmiere, auf der die Fuhrleute ihre schweren Karren über den Höhenrücken ziehen, vorbei an Einern, hinunter ins Wuppertal. Um 1820 ist dieser Weg so frequentiert, dass man ihn zu den meistbefahrenen der Region zählt. Die Wittener Hauptkohlenstraße: ein Name, der nach Staub und Pferdeschweiß klingt.
Einern liegt an diesem Weg. Nicht als Ziel, aber als Passage — als der Punkt, an dem die Kohle die Wasserscheide überquert und vom Ruhrsystem ins Wuppersystem wechselt. Das ist keine Metapher. Das ist Logistik. Und in dieser Logistik liegt die Grundlage für den Aufstieg einer Familie, die bald nicht mehr pflügen wird.
Denn die Söhne der Eynern gehen den umgekehrten Weg. Nicht die Kohle zur Stadt — sondern der Mensch zur Stadt. Johann Friedrich von Eynern, geboren 1805, wird Kaufmann in Barmen. Er handelt mit dem, was die Kohle ermöglicht: den Produkten der bergischen Industrie. Er wird Politiker. Er sitzt in Gremien, die über die Zukunft einer Stadt entscheiden, die sich rasend schnell verändert.
Sein Sohn Ernst, geboren 1838, wird Großkaufmann. Nationalliberal. Ein Mann des Kaiserreichs, der an den Fortschritt glaubt wie seine calvinistischen Nachbarn an die Prädestination. Er wird reicher, einflussreicher, sichtbarer. Und der Name, den er trägt — von Eynern — klingt nun anders. Nicht mehr wie ein Hof auf einem Hügel. Wie ein Versprechen auf Herkunft in einer Welt, die Herkunft ehrt.
Noch ist er kein Adeliger. Noch ist das „von" kein Prädikat, sondern eine Erinnerung. Aber die Erinnerung beginnt zu glänzen.
Vierter Akt: Die Verwandlung des Namens In dem aus einem Herkunftswort ein Titel wird und aus einem Titel eine Ironie
Im Jahre 1894 geschieht etwas Merkwürdiges. Ernst von Eynern, mittlerweile Rentier — ein Mann, der von Kapital lebt, nicht von Arbeit, und schon gar nicht von einem Hof —, erhält von König Wilhelm II. von Preußen die Erhebung in den Adelsstand. Das „von", das seit Jahrhunderten nichts anderes gesagt hatte als ich komme von dort, wird zum Adelsprädikat. Es sagt nun: Ich gehöre dazu.
Es ist der seltsamste aller Augenblicke in der Geschichte dieses Namens. Denn der Ort, von dem der Name stammt — der Hof auf dem Rücken, die Wasserscheide, das Hofgericht, die Mark — ist längst nicht mehr das, was die Familie ausmacht. Die Eynern leben in der Stadt. Sie handeln mit Waren, nicht mit Korn. Sie sitzen in Parlamenten, nicht in Hofgerichten. Und dennoch ist es der Name des Hofes, der nun geadelt wird — als hätte der Ort noch Macht über die Menschen, die ihn verlassen haben.
Drei Nobilitierungen in vierzehn Jahren: 1881, 1894, 1895, verschiedene Zweige derselben Familie. Als hätte das Kaiserreich beschlossen, die ganze Sippe auf einmal in den Stand zu erheben, der ihrem Vermögen längst entsprach.
Hans von Eynern, Ernsts Sohn, geboren 1874, wird Jurist und Politiker. DVP. Weimarer Republik. Er trägt den Titel, den sein Vater erwarb, in eine Welt, die Titel nicht mehr so ehrt wie zuvor. Das „von" hat nun seine dritte Bedeutung angenommen: erst von dort, dann von Stand, nun von gestern — eine Silbe, die Geschichte atmet, gleichgültig, ob ihr Träger es will.
Und der Hof? Der Hof steht noch. Die Wasserscheide teilt noch immer den Regen. Der Deilbach fließt noch zur Ruhr. Die Grenze, die seit dem vierzehnten Jahrhundert durch diesen Ort verläuft, ist noch immer eine Grenze — zwischen Regierungsbezirken, zwischen Landschaftsverbänden, zwischen Welten, die einander so nahe sind und doch so verschieden klingen, beten, feiern, arbeiten.
Epilog: Was bleibt
Wer heute nach Einern fährt — und man fährt dorthin, man gerät nicht hin —, sieht eine lockere Wohnbebauung auf einem Höhenzug. Landesstraßen kreuzen sich. Nach Süden dichter besiedelt, nach Norden Felder und Wald. Ein Ort, der auf keiner Touristenkarte steht.
Aber unter dieser stillen Oberfläche liegen acht Schichten übereinander, wie die Sedimente eines alten Sees: Wasser, das sich teilt. Territorien, die aufeinanderprallen. Zünfte, die sich nicht anerkennen. Konfessionen, die verschiedene Kalender pflegen. Dialekte, die verschiedene Welten meinen. Feste, die verschieden laut sind. Ein Kaiser, der keiner war. Und eine Kohlenstraße, auf der die Zukunft rollte.
Mittendrin eine Familie, die sich nach dem Ort benannte und über sechs Jahrhunderte alle seine Verwandlungen mitmachte — vom hörigen Hofmann zum Großkaufmann, vom Plattdeutschen zum Hochdeutschen, vom Herkunftsnamen zum Adelstitel. Nicht weil sie Helden waren oder Heilige oder Schurken, sondern weil sie da waren — an der Stelle, wo das Wasser sich teilt, und blieben, bis der Name mehr geworden war als sie selbst.
Van Eneren. Von hier.
Das reichte.